Montag, 12. Januar 2009

Home By Train.

Es ist halb sechs abends, ich hatte gerade meine letzte Vorlesung und sitze im Zug nach Münster. Heute Abend spielen Captain Planet in einem Proberaumzentrum und ich bin schon ganz heiß, weil eigentlich nichts über Proberaum-Shows geht. Es ist meistens brechend voll, die Stimmung kocht über und es gibt billiges Bier von billiger Qualität. Ich stimme mich schon Mal ein und schließe an die zwei Bier an, die ich schon am Nachmittag getrunken habe. Fünf Stück habe ich im Rucksack und bin mir sehr sicher, wenn ich die auf der eineinhalb-stündigen Fahrt austrinke, ich gut angeheitert in Münster ankommen werde. Auf meinen Zugfahrten fällt mir eines immer wieder auf: Wenn man während der Fahrt Alkohol trinkt, bleiben die Plätze um einen herum meistens frei. Ich bin ein friedlicher junger Mann und habe eigentlich wenig an mir, wodurch mich fremde Leute für einen Obdachlosen oder Alkoholiker halten könnten, aber auch dieses Mal bleibt meine Viererbank leer, bis fast gar keine Plätze im Zug mehr frei sind und sich endlich eine Frau mittleren Alters dazu durchringen kann sich zu dem Penner zu setzten...

Es ist brechend voll, die Stimmung kocht über und es gibt billiges Bier von billiger Qualität. Leider hat sich meine Hoffnung, dass sich durch die Menschenmassen auch die Temperatur erhöhen wird nicht bestätigt und ich spüre meine Füße nicht mehr. Aber selbst schuld, wer kauft sich auch Leinen-Sneaker für den Winter?! Das Konzert übertrifft alle meine Erwartungen, ich habe den Spaß meines Lebens, was sicher auch daran liegt, dass ich wirklich betrunken bin. Ich bin sogar so betrunken, dass ich mir schon das Kotzen verkneifen musste, aber trotzdem noch seltsam klar. Ich werde diese Nacht auf einem Schlafsofa verbringen...

Es ist der nächste Morgen und ich befinde mich gerade auf der Rückfahrt. Dieses Mal saufe ich nicht, stinke aber dafür besonders nach Alkohol. Nicht nach Bier sondern einfach nur nach Alkohol, das ist die Art von Standarte, die sich nach einem nur kurzen, meist unerholsamen Schlaf einstellt. Um ehrlich zu sein, hätte ich schon wieder Lust ein paar Bier zu verhaften. „Ein paar Bier verhaften“, diesen Ausdruck habe ich neu gelernt und mir versprochen ihn nun des Öfteren zu benutzen. Es ist wunderschönes Wetter draußen und ich habe verdammt gute Laune. Es ist alles in bester Ordnung und mit dem Wissen, dass ich mich nach nur einer Stunde Uni wieder in den Zug nach Hause setzen kann, freue ich mich sogar auf die schleppende Fahrt nach Hause. Eigentlich freue ich mich immer darauf, denn auch wenn ich jetzt nicht mehr zu Hause wohne, hat es doch etwas von einem „Wochenabschluss“. Ich streife den Alltag ab und stürze mich in das Wochenende. Wenn man es genau nimmt, ist nichts alltäglicher als mein Wochenende: Ich komme an, erledige Einkäufe, treffe mich mit meiner Freundin, wir essen was, später kommen Freunde zu Besuch oder wir gehen zu zweit in die einzig brauchbare Kneipe in dieser Stadt. Das wiederholt sich in der Regel am Samstag nochmal und ich fahre montags mit dem Gefühl alt geworden zu sein zurück in meine neue Heimat. Das empfinde ich allerdings als gar nicht so negativ. Schließlich werden wir alle älter und ein Hauch von Normalität hat noch keinem geschadet...

Früher Schluss als erwartet, es ist immer noch alles in bester Ordnung. Am Bahnhof beginnt meine Reise mit einer zwanzig minütigen Verspätung der Bahn. Ein Zufall jagt die nächste Unverschämtheit und so werde ich mehr als doppelt so lange unterwegs sein, wie ich es normaler Weise bin. Teilweise den Tränen nahe bin ich mir sicher, dass es das Schicksal nicht gut mir mir meint und auf jedes tolle Erlebnis ein Dämpfer kommen muss, damit ich mir bloß nicht einbilde glücklich zu sein. Aber ich bin ein zäher Gegenspieler und habe zwei kalte Schultern in Situationen wie diesen zu entgegnen! Es ist schon lange dunkel draußen und auf den Bus wartend, sitze ich in einer viel zu kalten Wartehalle und versuche mir die Zeit mit lesen zu vertreiben. Ich schaffe es aber nicht mich auf mein Buch zu konzentrieren, da sich eine White-Trash-Braut sehr lautstark mit ihrem Vater unterhält während sie einen Kinderwagen durch die Eingangstür rangiert. Als die sehr junge Mutter zum Rauchen nach draußen geht, wird ihr Baby nervös und fängt an zu quängeln. Der stark übergewichtige ältere Mann, der der Opa zu sein scheint, macht bei dem versuch das Kind zu beruhigen mehr Krach als es selbst. Demonstrativ klappe ich mein Buch so laut zu wie es irgendwie geht und der Mann wird etwas leiser bei seinen Versuchen den Quälgeist zur Ruhe zu bringen. Im Angesicht der Situation muss ich grinsen, da mir wieder der Spruch einfällt, den ich mir extra für solche Situationen zurecht gelegt habe:“Stopfen Sie ihrer Missgeburt das Maul oder ich mach' es hier mit! Wie passend das jetzt wäre. Ich versuche eine SMS zu beantworten, aber meine Finger sind zu eingefroren, also rufe ich zurück. In sieben Minuten kommt mein Bus...

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